Das Land wird voll Erkenntnis des Herrn sein, wie Wasser das Meer bedeckt.

Jesaja 11,9

Liebe Freunde und Förderer der Auslands- und Katastrophenhilfe

An einem Samstagmorgen in Bulgarien brechen wir auf von Sofia, der Hauptstadt, nach Montana. Nein, nicht nach Montana in den USA, sondern nach Montana, der Provinzstadt in der ärmsten Gegend Bulgariens. Wir, das sind Stanislav Alexiev, sein Sohn Julian (14) und ich. Stanislav ist der zweite Pastor unserer Partnerkirche, der Evangelical Congregational Church, der ersten evangelischen Kirche in Sofia.
Es ist ein herrlicher Sommertag. Jedes Jahr im Sommer besuche ich Gemeinden unseres Partnerbundes in Bulgarien. Noch nie war ich im Nordwesten und, wie so oft, weiß ich nicht, was und wer mich erwartet. Gut zweieinhalb Stunden Autofahrt über das Balkangebirge liegen vor uns. Wieder einmal erlebe ich die Schönheit dieses Landes und auch seine Not.

Nördlich des Bal-kangebirges auf der National-straße B1 weist Stanislav mich plötzlich hin auf junge leichtbekleidete Roma-mädchen, die alle paar hundert Meter am Straßenrand sitzen, umgeben von Plastikmüll. Es sind junge Prostituierte, die auf ihre Freier warten. Ihre Zuhälter, die sie kontrollieren, sind nicht weit, irgendwo versteckt, wie Stanislav mir erklärt. Hier grenzt Bulgarien im Norden an Rumänien, im Westen an Serbien. Es ist ein Schwerpunkt des Menschenhandels auf dem Balkan.

Unser Ziel ist Dalgodeltzi, ein Ort von etwa 1000 Einwohnern. Ein verrostetes Schild, die Buchstaben kaum noch lesbar, mit einem Gitter, an dem noch ein roter Stern hängt, markiert den Beginn des Ortes. Symbolträchtiger kann es kaum sein. In der Mitte des Ortes steht ein altes ehrwürdiges Haus. Die französischen Missionare Charles und Georgette Chaix haben es 2007 gekauft und der bulgarischen Baptistenkirche überlassen. Die Baptisten haben es aufgegeben. Nun hat es unser Partnerbund, die Union Evangelikaler kongregationaler Gemeinden gemietet. Hier treffen wir Penka und Tanja, die Leiterinnen dieser Gemeinde.

Penka und ihr Mann haben vor vielen Jahren die Arbeit in Dalgodeltzi begonnen. Es war lange Zeit eine kleine Haus-gemeinde. Nachdem vor zwei Jahren Penkas Mann starb, hat sie den Dienst ihres Mannes weitergeführt.

Tanja, eine junge Roma von ca. 35 Jahren unterstützt sie dabei. Penka ist 84, eine fröhliche muntere Frau, aus deren Gesicht das Licht, die Liebe und die Menschenfreundlichkeit Gottes strahlen. Fast 60 Jahre hat sie in Sofia und auch in Dalgodeltzi als Grundschullehrerin gearbeitet. Mit 82 Jahren ging sie in Rente. Julian sagt, es sei typisch für Bulgarien, dass viele Lehrer sehr alt seien. Penka erhält eine Rente von umgerechnet 156 Euro im Monat. Als ich heute das Auto von Stanislav getankt habe, habe ich dafür 55 Euro bezahlt, ein Drittel der Monatsrente von Penka.

Tanja und Penka führen mich durch das Haus; es ist teils verfallen, hat aber eine gute Substanz. In einem großen Raum feiern sie jeden Sonntag Gottesdienst. Es kommen mindestens 30 Besucher. Insgesamt erreicht die Gemeinde mit ihren Diensten etwa 100 Menschen. Im Sommer sind viele auf den Fel-dern der umliegenden größeren Landwirtschaften beschäftigt und können daher die Gottesdienste nicht besuchen. Ein Landarbeiter verdient umgerechnet 22,50 Euro im Monat, das ist weit weniger als 1 Euro am Tag.

In Dalgodeltsi gehen etwa 40 Kinder zur Schule. In der Gemeinde bekommen sie ein Frühstück. Nach der Schule kommen sie wieder in das Zentrum, bekommen ein Mittagessen und Hausaufgabenhilfe.

Im Keller des Gemeindehauses soll eine Suppenküche entstehen, wie es sie auch in Sofia und in Velingrad gibt. Zwei Räume sind gut renoviert, Böden und Wände gefliest. Allerdings hat man versäumt, Stromleitungen in die Wände zu legen. Es gibt nicht einen einzigen Stromauslass, geschweige denn eine Steckdose. Starkstrom, um einen größeren Herd zu betreiben, gibt es überhaupt nicht. „Wer macht hier die ganze Arbeit?“, will ich wissen. Penka, Tanja und ein paar Helfer, bekomme ich zur Antwort. Hilfe von außen sei unbedingt nötig, aber schwer zu bekommen, erklärt Stanislav.

Und wie erreichen sie hier die Menschen mit dem Evangelium? Penka sagt überzeugend: „Keinen Unterschied machen zwischen „Zigeunern“ und Bulgaren, helfen und beispielhaft, vorbildlich leben.“ Es ist ihr Traum, dass hier ein geistliches Zentrum für Nordwest-Bulgarien entsteht.

Alle zwei Monate besucht Stanislav die Gemeinde und gibt Bibelunterricht. Delcho Atanasov, Pastor zweier Gemeinden in der Nähe von Plovidv, und seine Frau Nina kommen nach Dalgodeltzi, um hier im christlichen Glauben zu unterrichten. Es ist für mich jedes Mal wieder unfassbar, unter welchen Umständen in Bulgarien Gemeindearbeit geschieht, wie viel und mit welcher Leidenschaft für das Evangelium von der Liebe Gottes gearbeitet wird. Es geschieht immer in der Einheit von Verkündigung, Lehre und sozialdiakonischem Engagement.

Zum Mittagessen sind wir in Penkas Garten eingeladen. Wir sitzen unter einem Dach aus Weinblättern und Trauben, ganz typisch für das Leben auf dem Land. Ein üppiges, reichhaltiges Essen wird uns serviert. Zum großen Teil sind es die Früchte aus dem eigenen Garten. Es sind segensreiche Gemeinschaften und Begegnungen, die ich in Südosteuropa immer wieder erlebe. Zum Abschied steht Penka ganz entspannt am Tor ihres kleinen Häuschens und winkt uns lächelnd zu.

Auf der Rückfahrt kommen wir wieder an den jungen Romamädchen vorbei. Plötzlich sagt Stanislav: „Schau, da steigt grade ein Mädchen aus einem Auto aus. Zwei Männer sitzen darin“. Es war ein großer schwarzer Geländewagen (SUV) neueren Baujahres. Er fuhr davon. Mir wird flau im Magen. Nachdem ich einige Male tief durchgeatmet habe, lese ich nochmal die Losung dieses Tages:

„Das Land wird voll Erkenntnis des Herrn sein, wie Wasser das Meer bedeckt.“

Wie wäre das, wenn die Menschen in Südosteuropa die Liebe und Barmherzigkeit Gottes erkennen würden, wenn sie an seinem Frieden und an der Kraft zur Versöhnung und Heilung teil bekämen? Daran arbeiten wir mit, wenn auch oft ohnmächtig gegenüber der Härte aller Not, und doch mit Hoffnung. Jeder Hilfstransport, jeder Einsatz, unsere Einrichtungen in Bukarest/ Rumänien und in Gotse Delchev/ Bulgarien, sind Lebenszeichen, Zeichen der Hoffnung und der Liebe des lebendigen Gottes in Südosteuropa.

Zurück in Deutschland nehme ich sofort Kontakt mit christlichen Organisationen auf, die auf unterschiedliche Weise kompetent und professionell gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution arbeiten. Es ist wichtig, dass wir uns gegen die Not vernetzen und mit unseren Möglichkeiten ergänzen.

Danke, dass ihr mir zugehört habt und das Euch Mögliche tut, damit wir als FeG Auslands- und Katastro-phenhilfe konkrete Hilfe weiterbringen können.

Gott segne Sie und Euch dafür.


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