Paul Lenz

Höchster Bulgarischer Staatsorden für seine Arbeit

Am 2. Februar 2005 wurde der erste Leiter der AUSLANDSHILFE, Pastor i.R. Paul Lenz, in der Bulgarischen Botschaft in Berlin durch die neue Botschafterin mit dem höchsten für Ausländer zu vergebende Orden des Landes Bulgarien „Madarski Konnik“ (Reiter von Madara) ersten Grades ausgezeichnet. Er wurde ihm von Staatspräsident Georgi Parvanov zuerkannt.

In der offiziellen Begründung werden die finanzielle und humanitäre Sachunterstützung für viele Einrichtungen in Bulgarien gewürdigt. Karl Gerhard Köser (Leiter) und Manfred Eibach (Referent) sowie das ganze aktuelle Team der AUSLANDSHILFE – und sicher auch „die alte Garde“ – gratulieren Paul Lenz sehr herzlich zu dieser Ehrung. Wir freuen uns mit ihm und seiner Frau Margarete. In einer ersten spontanen Reaktion meinte Paul Lenz:
„Natürlich bin ich dankbar für diese Ehrung. Aber sie gilt ja nicht mir allein, sondern allen, die im Rahmen der AUSLANDSHILFE des Bundes Freier evangelischer Gemeinden in Deutschland tatkräftig mitgeholfen haben. Ohne ihren Einsatz wäre das alles nicht möglich gewesen. Und vor allem: Gott war es, der mir und uns die Kraft gegeben und Wege geebnet hat.“

Schon vor einigen Jahren war Paul Lenz zum Ehrenbürger der Stadt Goce Delchev ernannt worden. Die Straße, in der die „Deutsche Klinik Zeichen der Hoffnung“ in dieser südbulgarischen Stadt zu finden ist, trägt den Namen „Ulica Paul Lenz“.

Paul Lenz, Evangelist der Zeltmission, Bundesjugendpfleger, Gemeindepastor und Leiter der FeG-Auslandshilfe

von Arndt Schnepper

Bekehrung im Krieg

Geboren wird Paul Lenz Ende Dezember 1926 in Leverkusen. Nach der Mittleren Reife und dem Berufsanfang in der Stadtverwaltung wird er als junger Mann vom Arbeitsdienst zum Bunkerbau in Frankreich eingezogen. Als er dann später zur Waffen-SS überwiesen wird, erlebt er den Krieg mit seinem ganzen Elend hautnah. An der ostdeutschen Grenze gerät er in Frontgefechte mit der russischen Armee. „Es existierte ein ungeschriebenes Gesetz“, erinnert er sich. „Es gab nur Tote. Die Deutschen machten keine Gefangenen, und auch die Russen machten keine.“ In dieser Zeit bricht in ihm die Frage nach Gott auf. „Zwar hatte ich gläubige Eltern,“ sagt er, „die auch zur FeG Leverkusen gehörten, doch das Neue Testament hatte ich längst weggeworfen.“ Als Melder wird er eines Nachts zu einem Gefechtsstand abkommandiert. Während die sowjetischen Stalinorgeln ihre Geschosse abfeuern, kämpft er sich durch den dunklen Wald. Plötzlich gerät er in eine Tannenböschung und merkt, dass er sich total verirrt hat.  „Ich wusste, wenn ich jetzt auf den falschen Weg gerate, bin ich verloren.“ In diesem Moment der allergrößten Not ruft er ein Stoßgebet: „Gott, wenn du wirklich da bist, dann hilf mir hier raus.“ Und wirklich: es ist ihm, als würde eine unsichtbare Hand ihn in eine bestimmte Richtung führen. Es ist der Weg zu seinen Kameraden. In einer ähnlichen Situation erlebt er später dann seine endgültige Bekehrung und gleichzeitige Berufung zum Dienst. Eines Nachts steht er im Schützengraben wie zufällig neben einem Soldaten, der sich eine Zigarette anzündet. Eine Unachtsamkeit, die damals vielen Soldaten das Leben kostet. Und tatsächlich, einige Sekunden später wird der Soldat, nur eine Handbreit von Paul Lenz entfernt, von der anderen Seite entdeckt und erschossen. „Was wäre mir passiert, wenn ich getroffen worden wäre?“ fragt sich Paul Lenz. Er findet zu Gott und gelobt, sich nach dem Krieg ganz in seinen Dienst zu stellen. „Das haben damals viele versprochen,“ sagt er, „doch Paul Lenz hat es auch gehalten.“

Studium und Hochzeit

Er bewirbt sich beim Predigerseminar in Ewersbach und gehört 1946 zum ersten Jahrgang, der dort ausgebildet wird. Die Zeiten sind nicht einfach. „Wir hatten mehr Arbeitsdienst als Unterricht“ resümiert er. Und mit seiner „Schmalspurtheologie“ im Gepäck wird er 1950  in die FeG Berlin-Baumschulenweg gesandt. Ein Jahr später heiratet er seine Frau Maragrete, die er während der Ausbildungszeit in Ewersbach kennen gelernt hat.

Entwicklung zum „Evangelisten“

Die vier Jahre in Ost-Berlin sind anfangs von den typischen Schwierigkeiten des Dienstbeginns geprägt. Paul Lenz fällt es schwer, in seinen Predigten den Weg vom biblischen Text zum Zuhörer zu finden.

„Eines Tages“, so erzählt er, „kommt eine ältere Dame auf mich zu und sagt mir: Bruder Lenz, was sie predigen, ist bestimmt richtig, aber wir verstehen sie nicht.“ In dieser Zeit lernt er die gedruckten Predigten von Johannes Busch, Wilhelm Busch und Paul Humburg kennen. Eine neue Welt des Predigens geht ihm auf. „Und das“, sagt er, „war die Geburtsstunde meiner evangelistischen Tätigkeit.“ Seine Begabung in der Evangelisation bleibt auch im Bund nicht unbemerkt, so dass er 1954 als Ergänzung für Emil Tesch in die Deutsche Zeltmission berufen wird.

Bundesjugendpfleger

1956 kann er die Bundesjugend dafür gewinnen, ihr Bundesjugendopfer für die Anschaffung eines eigenen Zeltes zu bestimmen. Ganz nebenbei beruft diese ihn auch als Bundesjugendpfleger. Und so wird die Bundesjugend zum Mitbegründer der Zelt-Mission in den Freien evangelischen Gemeinden. Ein zweites Zelt folgt bald und 1964 bittet Paul Lenz um die Anschaffung eines dritten Zeltes. „Damals sagte mir der Bundesgeschäftsführer Heinz-Adolf Ritter, zu dem ich immer ein ausgesprochen gutes Verhältnis hatte: das dritte Zelt kommt nicht. Und ich entgegnete ihm: das dritte Zelt kommt doch.“ Und wirklich: die Zeltarbeit erhält derart viel Zuspruch, dass auch ein drittes Zelt vom Bund erworben wird. In der Folgezeit ergeben sich für Paul Lenz viele weitere Aufgaben. Noch heute erinnern sich viele an seine Rundfunkandachten oder besitzen noch seine Bücher.

Gemeindedienst

Die vielen Reisen werden jedoch auf Dauer für seine Ehefrau Margarete und die vier Kinder immer schwerer. Besonders belastet wird die Situation durch ihre kranke Tochter Renate, die von Geburt an hilfsbedürftig ist. Sie kann zu keinem Zeitpunkt das Bett verlassen und stirbt mit 22 Jahren. Paul Lenz entschließt sich deshalb für den Gemeindedienst. Von 1965 bis 1970 ist er Pastor in der FeG Berlin-Moabit. Es ist die Zeit der theologischen Auseinandersetzung um das angemessene Bibelverständnis. Mit Professor Otto Dilschneider eröffnet er in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche die Evangelische Sammlung, den Berliner Zweig der Bekenntnisbewegung. Es folgen elf Jahre Gemeindearbeit in Lüdenscheid und neun Jahre in der FeG Siegen-Mitte. Mit Leib und Seele ist er Pastor und erlebt das Geschenk des Gemeindewachstums. Zwei Jahre vor seinem Ruhestand erleidet er mitten im Straßenverkehr einen wiederholten Gedächtnisverlust. „Der Arzt, der meine Amnesie untersuchte“, so Paul Lenz, „hat mich ernst angeschaut und gesagt: Herr Lenz, wenn ich ihr Leben betrachte, dann hören Sie auf. Sie haben genug gearbeitet.“

Der Start der Auslandshilfe

Kaum hat er den vorgezogenen Ruhestand angetreten, bittet ihn die Bundesleitung,  die Hilfstransporte der Gemeinden nach Osteuropa zu koordinieren. Und so beginnt 1989 die rasante Entwicklung der FeG-Auslandshilfe. Mit Dr. Hristo Kulichev, dem damaligen bulgarischen Präses der Freien evangelischen Gemeinden, besucht er in Bulgarien Altenheime, Waisenheime und Krankenhäuser. „Was ich da gesehen habe, war verheerend“, erinnert sich Paul Lenz. „Es ließ mich nicht mehr los.“ Mit Hilfe vieler Gemeinden organisiert er in den kommenden Jahren Hilfstransporte nach Osteuropa. Ganze Nato-Lager und NVA-Bestände an Sanitätsmaterialien übernimmt er und lässt sie von vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern nach Bulgarien und Rumänien bringen. Unentwegt ist er für die verbundenen Gemeinden in Osteuropa unterwegs. „Manchmal waren wir total kaputt und am Ende unserer Kräfte.“ Nach dem Tod ihrer Tochter Renate beginnt seine Frau im Ewersbacher Elternhaus einen christlichen Buchladen, der heute dem Bundes-Verlag angegliedert ist. Einen Rückfall der Amnesie erlebt er in diesen Jahren der Anstrengung seltsamerweise nicht. Ende 1989 wird er vom Bund aus der Leitung der Auslandshilfe verabschiedet, die heute Dieter Happel leitet.

Freude als Lebensenergie

Wer im Jahr 2010 das Ehepaar Lenz in Ewersbach besucht hat, fand im Flur ein Schild mit dem bekannten Satz von Paulus an die Gemeinde in Philippi: „Seid fröhlich allzeit!“ Dieser Satz ist das neutestamentliche Leitwort für Paul Lenz. Als Mitarbeiter an der vordersten Linie des Reiches Gottes hat er viele Segensmomente erlebt. Und auch die Dankbarkeit der Menschen hat er erfahren. 1998 wird er für seine Verdienste mit der Auslandshilfe mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet und im kommenden Herbst wird ihm vom bulgarischen Präsidenten persönlich der höchste Orden verliehen, den ein Ausländer erhalten kann. Wie bei allen Menschen gehören zu seiner Biographie aber auch die traurigen und deprimierenden Momente. Besonders schmerzt ihn und seine Frau der frühe Tod von drei ihrer vier Kinder. „Es gibt Tage“, meint Paul Lenz, „da stürzen die Dinge einem über den Kopf zusammen. Da hilft kein rheinisches Temperament, sondern nur die Freude über Christus.“