Ann Katrin Huser geb. Birkenstock

„Ich ging, um Liebe zu schenken…“

Drei Monate Rumänien!

„Drei Monate Rumänien! (Nov. 2004 – Jan. 2005) Sie haben tiefe Spuren in meinem Leben hinterlassen. Ich bin so dankbar, dass ich diese Erfahrung machen durfte. Doch was war es, was diese Zeit so besonders machte? Waren es die Menschen, die Umstände oder Erlebnisse? Ich glaube, es war eine Mischung aus allem. Im Krankenhaus bei meiner „Arbeit“ mit den verlassenen Babys durfte ich erfahren, wie dankbar Kinder für die ganz einfache Art von Zuwendung und Liebe sind. Die Babys sind nicht irgendwelche Babys gewesen, sie waren „meine“ Babys, jedes mit eigenem Charakter. Was für ein schönes Gefühl ist es, wenn ein Baby dir in die Augen schaut und dich anlächelt oder ein immer verspanntes Baby sich auf einmal auf deinem Arm völlig entspannt und schlafen kann? Diese kleinen Erfolgserlebnisse haben mich mit Freude erfüllt und mir gezeigt, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort war.

Eine Situation hat mich sehr berührt: Eine junge Mutter, sie ist Studentin, hat ihre Tochter Alexandra im Krankenhaus zurückgelassen. Ihre Eltern wollen sie nicht mit Kind bei sich zu Hause haben, denn sie können den Vater des Kindes nicht leiden.

Doch ohne die Unterstützung ihrer Eltern kann sie es nicht schaffen, denn Wohnungen sind sehr teuer in Rumänien, ohne fertiges Studium bekommt sie keinen Job, und ohne Job hat sie nichts, wovon sie und ihre Tochter leben können, denn Kindergeld gibt es auch nicht wirklich. 5 € bekommt eine Mutter pro Monat, das ist jedoch ein Witz. So hat sich Alexandras Mutter entschieden, sie zur Adoption freizugeben. Zweimal hat sie ihr Kind noch sehen dürfen. Es tat mir im Herzen weh, Alexandras Mutter so bitterlich weinen zu sehen, weil sie ihr Kind verloren hat.

Mit den Krankenschwestern habe ich mich teilweise mit Händen und Füßen unterhalten, weil diese kein Deutsch oder Englisch konnten und ich das Rumänische nicht verstanden habe. Aber trotz allem Nichtverstehen, haben sie sich immer wieder bemüht mit mir zu sprechen und wir sind Freunde geworden. Zu meinem Abschied haben einige mir gesagt: „Annka, die nächsten 30 Jahre werden wir auch hier arbeiten, du weißt ja, wo du uns findest. Wir werden auf dich warten.“ Und sie meinten es so, wie sie es gesagt haben. Das hat mich sehr berührt und mir den Abschied auch nicht leicht gemacht.

Trotz aller Armut in Rumänien haben diese Menschen etwas, das mich fasziniert hat. Sie haben etwas, was nicht mit Geld zu bezahlen wäre, und zwar ihr Herz. Sie sind mir mit so offenem Herzen und so viel Wärme begegnet, wie ich es hier in Deutschland noch selten erfahren habe… Deutsche handeln mehr mit ihrem Verstand, Rumänen mit ihrem Herzen. Deswegen zählen Beziehungen dort auch mehr, besonders jedoch die Familie.

In der Familie, in der ich leben durfte, habe ich die rumänische Gastfreundschaft zu spüren bekommen. Ich habe mich wirklich sehr wohl gefühlt und war nach kurzer Zeit schon kein Gast mehr, sondern Familienmitglied. Zu meinem Geburtstag, habe ich noch nie so wenig Geschenke bekommen, aber ich habe mich auch noch nie so sehr gefreut. Diese Geschenke waren mir mehr wert, weil ich gespürt habe, dass sie ein Stück ihres Herzens mir geschenkt haben.

Ebenso liebevoll wie die Familie hat mich auch die Gemeinde und der Jugendkreis aufgenommen. Ich durfte Teil der Gemeinschaft sein und mich auch in die Gemeinschaft einbringen. Wirklich schwer ist es mir gefallen all die lieb gewonnenen Leute wieder verlassen zu müssen. Doch ich war sicher nicht das letzte Mal in Rumänien. Ich bin nach Rumänien gegangen, um den verlassenen Babys dort Liebe zu schenken, doch ich habe viel mehr Liebe zurück erhalten, als ich überhaupt geben konnte. In Markus 10, 29+30 steht: „Jesus antwortete: Das sollt ihr wissen: Jeder, der sein Haus, seine Geschwister, seine Kinder oder seinen Besitz aufgibt, um mir zu folgen und das Evangelium weiterzusagen, der wird schon hier alles hundertfach zurückerhalten: ein Zuhause, Brüder und Schwestern, Eltern, Kinder und alles, was er zum Leben braucht. All dies wird ihm – wenn auch mitten unter Verfolgungen – hier auf dieser Erde gehören und außerdem in der zukünftigen Welt das ewige Leben.“ Ich habe erfahren, dass diese Verse wirklich wahr sind. Ich ging, um Liebe zu schenken, doch ich selber bin mit noch größerer Liebe beschenkt worden. Wir haben echt einen großen Gott!

Ann-Kathrin Birkenstock


Ein weiterer Brief von Ann-Kathrin Birkenstock

Ann-Kathrin Birkenstock aus der FeG Wuppertal-Vohwinkel arbeitete für drei Monate als Praktikantin der Auslandshilfe bei dem Projekt „Lebenszeichen“ in Bukarest/Rumänien. Gemeinsam mit den anderen Mitarbeiterinnen des Vereins „Lebenszeichen“ kümmerte sie sich um Babys, die nach der Geburt von ihren Müttern verlassen wurden. Hier einige Auszüge aus ihrem ersten Bericht nach ihrer Ankunft in Bukarest:

Nach der Ankunft

„Als ich hier ankam, die fette Winterjacke in der Hand, die warmen Schuhe an den Füßen, weil sie zu schwer waren, wurde ich doch glatt durch Hitze erschlagen. Es ist nämlich 24 Grad Celsius… Anders als erwartet wohne ich nicht in der Gemeinde, sondern bei Chiritescus zu Hause. Alina, die älteste Tochter (20), hat ihr Zimmer für mich geräumt und schläft nun immer im Wohnzimmer. Wie peinlich!…

Für den Weg zum Krankenhaus brauche ich 45 Minuten…Wenn man denn dann in den Bus gelangt, gequetscht wie ein Hering in der Dose, total warm, dann sollte man sich gut festhalten. Denn der Bus fährt oft schon los, bevor die Türen geschlossen sind…Und gleichzeitig muss man immer auf seine Tasche oder auf seinen Rucksack achten, denn gerade im Bus wird viel geklaut…
Mein erster Gedanke zu dem Krankenhaus war „Ach du meine Güte!“ Ich weiß gar nicht wie ich euch beschreiben soll, wie es dort aussieht… Das ganze Krankenhaus ist alt, der Flur, die Türen, einfach alles sieht auch so aus. Teilweise gibt es jedoch neue Türen. Der Putz ist hin und wieder von den Wänden geblättert, so dass man die Mauer sieht. Es gibt nur Vierbettzimmer, total dunkel, auch alt… ach ja die Einrichtung auch alt, kann man sich in unseren Krankenhäusern überhaupt nicht vorstellen…
Ich habe gesehen, wie ein Kreißsaal aussieht. Stellt euch ein uraltes Krankenhaus vor, einen Raum mit weißen alten Fliesen, einem komischen alten Boden, einem alten Bett und mit so einem Frauenuntersuchungstisch, auch natürlich uralt, da lag die Frau drauf und hat auf diesem Tisch, die Beine so hoch, ihr Baby bekommen. Der Doktor stand davor, wie bei einer OP, stellt euch einen Ausländer vor mit pechschwarzen Haaren, behaarte Brust, nacktem (!, ich weiß nicht warum) Oberkörper.
Irgendwie komisch! Sehr komisch. Aber das Krankenhaus in dem ich bin soll auch eins der dreckigsten und unmodernsten sein. Die haben keine feuchten Tücher um den Hintern abzuwischen von den Babys, also zieht man sie ganz aus und hält ihren Po unter kaltes Wasser, das warme ist nicht so schnell da. Dann seift man seine Hände mit normaler Seife ein und wäscht den Po. Das Kind wird mit so einer Art Stoffwindel abgetrocknet, aber da davon nicht genug vorhanden sind, nimmt man eben diese Windel für alle Babys…
Die Jugendlichen haben oft Markenklamotten an, die hier aber genau soviel kosten, wie in Deutschland. Meine Herren, wie die teilweise rumlaufen, da fall ich eher auf, weil ich so stinknormale Klamotten anhabe… Die Gegensätze sind auch sehr krass, was das liebe Geld angeht. Der Durchschnittsmensch verdient hier ungefähr 5.000.000 Lei pro Monat. Das hört sich zwar ganz viel an, ist aber umgerechnet nur 125 EUR…
Ich bin wirklich sehr dankbar, bei Chiritescus wohnen und leben zu dürfen und gleichzeitig auch noch geistlich gefüttert zu werden…“