Besuch bei Lebenszeichen in Bukarest

Besuch bei Lebenszeichen
in Bukarest

von Ingrid Stamer, April 2012

„Es ist ja immer schön, wenn auch etwas zurück kommt“ sagt der Koordinator des Projektes „Lebenszeichen“ Jürgen Hedfeld zu mir am Telefon, nachdem wir vier Tage in Bukarest waren. Ich antworte: „Ja, es ist immer ein Geben und Nehmen“, lege den Hörer auf und denke, dass das so nicht stimmt. Es ist mehr ein „Nehmen“, ein „Beschenkt werden“, als ein „Geben“. Wir erfahren genau das, was Jesus in Markus 10 zu seinen Jüngern gesagt hat: „Jeder, der um meinetwillen etwas hergibt, wird es schon hier hundertfach zurückerhalten.“ Und immer mehr komme ich dem Geheimnis auf die Spur, dass ich Jesus auch in der Schwester, im Bruder und im Geringsten finde. Hinter Jesus her, hin zu seinen geliebten Menschen, das ist die Richtung, die uns auch zu ihm führt.

Da sind zum Beispiel die Mütter, die wir eingeladen haben, um für einen Tag mit uns kreativ zu werden. Es sind verlassene, mittellose Frauen, die 6 Monate lang hier Unterstützung und Hilfe für ihr Leben mit dem neugeborenen Baby erfahren. Auch die Mütter aus der Übergangswohnung und einige „Ehemalige“ sind gekommen. Wir gestalten Blumentöpfe mit Serviettentechnik und säen Blumen aus. Ich spreche den Frauen zu „So wie die Samen aufgehen werden, sät auch Gott seine Liebe in unsere Herzen, damit sie irgendwann blüht.“ Dann basteln wir noch Blumenstecker und Osterschmuck fürs Fenster.

Die Mütter sind begeistert bei der Arbeit. Es entstehen wunderschöne Originale, so wie sie es selber sind. Ihre Augen strahlen und manch eine von ihnen präsentiert stolz ihr Werk den Mitarbeiterinnen des Hauses. Emanuela Chiritescu, die Leiterin von Lebenszeichen sagt: „Dieser Tag ist ein großer Gewinn für die Frauen. Sie erfahren Wertschätzung durch den Besuch, der extra wegen ihnen gekommen ist. Sie bekommen ein Gefühl dafür, dass sie Fähigkeiten haben und sie begegnen sich untereinander wieder. Es ist wie ein kleiner Urlaub in ihrem oft so harten Alltag.“ Trotz der Sprachbarrieren ist es möglich, Vertrauen aufzubauen: Das Lächeln, die ausgestreckte Hand, anerkennende Gesten.

Besonders berührt mich die Begegnung mit einer jungen Mutter, Adina, die wir noch vom letzten Jahr kennen. Sie wohnt nun in der Übergangswohnung mit ihrer süßen Tochter Raisa. Ich besuche sie kurz in ihrem Zimmer. Ihre Geschichte ist bei Weitem kein Einzelfall: Mit 17 Jahren kam sie letztes Jahr direkt vom Kinderheim schwanger ins Mutter-Kind-Zentrum. Keine Eltern, von Freund und dessen reicher Familie abgewiesen, hat sie niemanden, der ihr helfen könnte. Sie ist noch Schülerin, und schafft  in diesem Sommer hoffentlich ihren Abschluss. Aber das ist nicht leicht. Sie ist wenig motiviert zu lernen. Denn sie hat ja die kleine Raisa, die zwar während der Schulzeit von einer Erzieherin des Hauses betreut wird, die sie aber nach Schulschluss selbst betreuen muss. Dazu kommt der eigene Haushalt, die Mitschüler, die feiern gehen und deren Worte ihr zusetzen. Eine Klassenkameradin war „schlauer“:  Sie hat im letzen Jahr schon zweimal eine Schwangerschaft abgebrochen und kann mitfeiern. Noch

härter wird es, wenn Adina ab September keinen Platz mehr hat in der Übergangswohnung. Dann muss sie studieren oder arbeiten, einen Krippenplatz bezahlen und ihren Alltag ganz alleine schaffen. Als ich gehe, sage ich ihr „te iubesc“ – „ich liebe dich“  und weiß doch, dass ich sie Gott und seiner Fürsorge durch Menschen wie den Mitarbeiterinnen von „Lebenszeichen“ überlassen muss.

Der Mietvertrag der Übergangswohnung im Haus gegenüber wird vermutlich nicht verlängert. Auch waren die Heizkosten im letzten Winter für das schlecht isolierte Haus viel zu hoch. Daher ist es umso wichtiger, dass Lebenszeichen so bald wie möglich mit dem geplanten Neubau beginnen kann. Hier gibt es dann mehr Plätze für Mütter und Kinder und bessere Bedingungen, um auf das Leben nach „Lebenszeichen“ vorbereitet werden zu können.

Nach unserem dritten Besuch in Bukarest, der viel an Gastfreundschaft, gewachsenem Vertrauen und Verständnis beinhaltete, sind wir auch dankbar für alle Gebete, die uns begleitet haben. Es ist ein Gott, ein Glaube, der uns alle trägt. Von ihm hören die Mütter im Haus, seine Liebe wird hier erfahrbar, aus seiner Kraft schaffen die Mitarbeiterinnen es immer wieder, begründete Hoffnung entgegen allem Augenschein zu spenden und in seinem Auftrag wollen wir das Haus weiter unterstützen!