Mit Kreativität „Lebenszeichen“ setzen

 

„Malerische Eindrücke einer Reise in das Mutter-Kind-Zentrum
der FeG-Auslandshilfe nach Bukarest, Rümänien.“

Von Marlies Louis und Renate Fröhling-Striesow (10/2017)

Um die Mittagszeit landen wir auf dem Flughafen Henri Coanda in Bukarest. Wir, das bin ich, Marlies Louis, Kunsttherapeutin aus Aachen und Renate Fröhlig-Striesow, ebenfalls Kunsttherapeutin. Unser Ziel ist das Mutter-Kind-Zentrum „Lebenzeichen“,  Associata Semn de Viata, eine diakonische Einrichtung der Auslandshilfe des Bundes Freier evangelischer Gemeinden. Hier wollen wir einen dreitägigen Malkurs  für die Mütter und auch für die Mitarbeiterinnen anleiten.

Bald bummeln wir durch die sommerwarmen Straßen und gönnen uns einen Willkommenskaffee. Mit einer „Free City Tour“ erhalten wir spannende erste Eindrücke von Bukarest, einer Stadt mit ca. zwei Millionen Einwohnern. Es ist eine Stadt mit sichtbaren Brüchen zwischen dem historisch-alten Charme aus dem 19.Jhd. und der Jugendstilepoche, der kommunistischen Gewalt- und Verarmungs-Ära unter Ceausescu und dem Aufbruch in die neue globale Welt seit bald dreißig Jahren, vor allem durch die neue Generation.

P1000823

Kreativer Workshop für Mütter

Im Mutter-Kind-Zentrum begrüßen uns Dana Pătrăşescu und Alina Chiritescu. Seit Januar ist Dana für das Management des Mutter-Kind-Zentrums verantwortlich. Alina, Tochter von Emanuela Chiritescu, der Gründerin von „Lebenszeichen“, ist als Psychologin für die persönliche Betreuung der Mütter zuständig. Die Wiedersehensfreude ist wie immer groß und herzlich.

Zuerst wird die Tagesstruktur für den heutigen Mal-Workshop besprochen: Drei Mütter können teilnehmen. Momentan leben Mütter in „Lebenzeichen“, die tagsüber außerhalb arbeiten. Aufgrund unserer bisherigen Eindrücke entscheiden wir uns dazu, den natürlichen Reichtum des Landes zu nutzen: Als Mal-Motiv dient ein großer Strauß roter Mohnblumen, dazu eine große Tüte voll frischer Erdbeeren zum Genießen. Das kaufen wir auf dem kleinen Markt gleich um die Ecke. Die Mohnblumen leuchten wundervoll.

IMG_5430

Weit weg und doch so nah

Zu Beginn des Workshops bringe ich die Segenswünsche der beiden Aachener Gemeinden und verteile die gemalten Geschenke der Kinder und ein Gruppenfoto mit den Abdrücken ihrer Hände. Weit weg ist Aachen hier, aber dennoch ist eine Rührung zu spüren darüber, dass Menschen sich mit ihnen verbunden fühlen. Dann beginnt die Mal-Arbeit. Marlies führt die Mütter ein in das Motiv Mohnblumen und vermittelt verschiedene Techniken. Nach anfänglicher Unruhe malen die Mütter fast selbstvergessen roten Mohn. Auf dem Tisch die kleine Tochter von Joana*, Renate „malt“ zusammen mit der zweijährigen Tochter der 16jährigen Mirela*, die gerade aus der Schule zurückgekommen ist. Die 24-jährige Anyana* kann ohne ihre Tochter konzentriert malen. Schöne und eigenwillige Mohnblumen sind der Lohn von malerischer Mühe und Konzentration; die drei Mütter wirken erfüllt und froh. Die Mitarbeiterinnen schauen zwischendurch herein, freuen sich auf ihren Mal-Workshop am nächsten Tag.

Der Betrieb im Mutter-Kind-Zentrum geht weiter. Am nächsten Vormittag brauchen die Mitarbeiterinnen Zeit zur Vorbereitung auf eine staatliche Überprüfung: bürokratische Unterlagen, Hygiene, Ordnung. Wir nutzen die Zeit, um Emanuela in ihrem Zuhause zu besuchen. Sie ist an Krebs erkrankt und muss sich seit Monaten kräftezehrenden Therapien unterziehen. Wir  werden herzlich begrüßt. Dann darf ich Emanuela ihren Wunsch erfüllen: Malen. Im Garten hat Emanuela eine Mohnblume gepflückt und malt sie jetzt in leuchtenden Rottönen. Man merkt, dass sie über die Jahre unter meiner Anleitung mit Pinsel und Farbe vertraut geworden ist. Zufrieden betrachtet sie ihr Werk. Nach Stunden lassen wir Emanuela und ihren Mann berührt zurück.

Mitarbeiter kreativ stärken

In „Lebenszeichen“ beginnt die Fortbildung für die Mitarbeiterinnen. Ich habe verschiedene Mütter- und Kinder-Motive mitgebracht. Wir entscheiden uns zur Unterstützung der Mitarbeiterinnen in ihrer Arbeit für das innige Porträt-Foto einer Mutter mit ihrem Baby. Nach einer anschaulichen Demonstration malen die acht  Mitarbeiterinnen mit sehr viel Hingabe dieses Mutter-Kind-Motiv. Renate und ich versuchen, die Mitarbeiterinnen durch Betonung der Ressourcen in ihren kreativen Schöpfungen zu stärken. Die intensiven Gemälde sprechen für sich.

Bald brauchen wir Nachschub an Farben und Leinwänden, vor allem eine große für ein Gemeinschaftswerk. Das sei nicht weit, man bekomme alles im Baumarkt Hornbach. Wir machen uns auf den Weg, hören auf das Navi, kommen mehrfach an der gleichen Kreuzung vorbei, fragen in einer Apotheke nach: „It`s easy, just take the first to your right….“  Um es kurz zu machen: wir brauchen zwei Stunden für einen Weg von knapp einer Stunde.

Auf einem Markt kaufen wir aus dem Reichtum des Landes „malerisches“ Gemüse: dunkel glänzende Auberginen, leuchtend rote Tomaten, einen Bund orangene Möhren mit intensivem Grün, dunkelrote Beete, schmale Peperoni, Paprika, eine dicke Zwiebel, kleine grüne Gurken. Hieraus soll ein Gemeinschaftswerk auf einer großen Leinwand entstehen.

Lebenszeichen als Wegbegleitung

Den ganzen Nachmittag bin ich vollauf mit zwei Müttern und zwei Jugendlichen beschäftigt, die die 16-jährige Mutter besuchen und außerdem noch mit einigen Mitarbeiterinnen. Erzählen, lachen und konzentriert malen und fragen  „Marlies, I need help!“  Renates Aufgabe ist es, mit  Anyana und ihrer Tochter Felicia das Gemeinschaftswerk zu beginnen. Anyana kam mit neun Jahren in ein Kinderheim, wurde mit achtzehn schwanger, wollte ihr Kind behalten, musste deshalb arbeiten und konnte nicht Mathematik studieren. Für sie war und ist „Lebenszeichen“ Zuflucht gewesen und jetzt Wegbegleitung. Studieren ist immer noch ihr Traum.

Das Gemüse als Mal-Motiv ist dekorativ ausgelegt, Renate beginnt mit einer groben Einteilung, malt eher schwungvoll. Anyana nutzt ihr Handy. Sie fotografiert die Paprika und kann sie auf dem Bildschirm vergrößern. Anyana versucht ganz exakt zu malen, lässt aber ihrer kleinen Tochter ihre Eigen-Art: die Sechsjährige verteilt voller Hingabe grün, grün und nochmals grün. Mit einem wundervollen Strauß roter Mohnblumen in einer transparent weißen Vase vor dem Gemüse wird das Grün kreativ integriert „Und jetzt musst Du noch etwas Poetisches einbringen!“ sage ich. Da fällt Anyana St. Exupery ein: „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“ Wir beschließen gemeinsam, dass sie diesen Satz auf das Gemeinschaftswerk schreiben wird.

Wiederkommen und helfen

Zum Abschluss stellen wir alle Bilder auf und sind genauso begeistert von der beeindruckenden Galerie wie die Mütter und Mitarbeiterinnen. Mit Dankesgrüßen und guten Wünschen für die Aachener Gemeinden werden wir von Alina und Dana herzlich verabschiedet, und „Please come again!“

Wir räumen auf, lassen uns Zeit, hängen unseren Gedanken nach. Reden über diese ganz besondere Einrichtung der FeG-Auslandshilfe, das großzügige Haus mit Garten, das wesentliche Arbeitsstellen schafft und ein Zuhause ist für Mütter mit Kindern in schwierigen Situationen in einem Land, das noch viel Aufbauarbeit braucht.

Marlies Louis und Renate Fröhlig-Striesow

*Zum Schutz der Mütter sind die Namen geändert.

Marlies Louis (r.) u. Dana Patracescu

Helfen Sie mit?

Das Mutter-Kind-Zentrum „Lebenzeichen“ e.V. in der Hauptstadt Rumäniens ist eine Einrichtung der Auslandshilfe des Bundes Freier evangelischer Gemeinden. Zu 90 Prozent wird die Einrichtung von der FeG Auslandshilfe finanziert. Bewegt von Gottes Liebe helfen wir!

Bitte helfen Sie mit.

Im Namen vieler Mütter, ihrer Kinder und der Mitarbeitenden von „Lebenzeichen“ danken wir Ihnen herzlich.