„Moria“

„Moria“ – So vieles ist unfair. Und ich wünsche mir so viel mehr für all diese Menschen.
Ich wünsche mir, dass sie gehört werden. Dass sie gesehen werden.
Dass sie den menschlichen Respekt erfahren, der ihnen zusteht …
Dass ihnen zugelächelt wird.
Dass sie Hoffnung und Liebe erfahren und vor allem, dass sie verstehen, dass das hier nicht das Ende ist.

Das schrieb Marina Ruf am Freitag, 18.09.2020.
Lesen Sie die ihren neuesten Berichte vom 06.10.2020 und 08.10.2020.

Marina Ruf/ Moria/ Lesbos am 08.10.2020:

© Maria Ruf

Heute hat der Regen hier auf der Insel eingesetzt. Der Winter kommt. Die Zelte sind leider noch nicht ausreichend gegen Wind, Regen und Kälte präpariert. Das angehängte Foto zeigt eines der Zelte (mit Palletten als Boden) nach einigen Stunden Regen. Viele Zelte haben bisher allerdings noch keine Pallettenböden bekommen. Viele Zelte stehen zudem am Hang, sodass das Wasser leicht hineinfließen kann.

Dieses Problem gab es auch in Moria schon, es war also leider zu erwarten. Traurig macht es mich trotzdem, dass Familien mit Kindern, alleinstehende Männer, ältere oder eingeschränkte Menschen so leben müssen. Dass überhaupt jemand unter diesen Umständen auf europäischem Boden leben muss. Davor sollten wir unsere Augen nicht verschließen.

Danke für alle Bemühungen, die Situation zu verbessern. Danke, dass sie hart arbeiten und sich für die Menschen hier einsetzen. Das weiß ich sehr zu schätzen.

Marina Ruf/ Moria/ Lesbos am 06.10.2020:

Wenn ich durch das Camp gehe, versuche ich oft mentale Bilder zu schießen. Momente, die ich festhalten möchte, irgendwie festzuhalten.
Gelingt es mir? Na ja, manchmal. Deswegen möchte ich heute ein paar „manchmal-Momente“ teilen.
Die Kleinen kommen mir da direkt in den Sinn. Oder vielleicht sollte ich lieber schreiben, die kleinen GROSSEN.
Circa 35% der POC’s („people of concern“) sind Kinder unter 18 Jahren. Sie sind überall. Deswegen wird momentan unter anderem daran gearbeitet, den Schulunterricht wieder aufzunehmen. Für mich persönlich sind sie die größte alltägliche Freude.
„Hello, my friend.“
„Hello.“
„How are you?“
„I am good. How are you?“
„I’m fine, thanks.“
„Esmet to chi hast?“ („Wie heißt du?“ auf Farsi)
Ali, Zahra, Somayeh, Mohammad, Miryam, Zainab – ich bewundere euch.
Ihr inspiriert mich, das Beste aus dem zu machen, was das Leben mir gibt.
Ich sehe, wie ihr auch ohne Spielzeug Spaß habt. Ich sehe, wie ihr euch über das freut, was ihr bekommt. Ich sehe, wie ihr fröhlich im Wasser planscht und die Freiheit dieses einen Moments genießt. Ich sehe, wie stark ihr seid. Ich sehe, wie ihr mich mit euren kaputten Zähnen anlächelt. Ich sehe, wie sehr ihr euch anstrengt, Griechisch, Deutsch oder Englisch zu lernen. Ich sehe, wie wenig euch die Hautfarbe des anderen interessiert. Ich sehe, wie sehr ihr euch nach Zuneigung sehnt. Ich sehe, wie verängstigt ihr seid. Ich sehe, wie ihr die Erwachsenen um euch herum imitiert und wie sehr ihr so sein wollt wie sie. Ich sehe, wie ihr unermüdlich euren Familien helft. Ich sehe, wie stolz ihr seid, wenn ihr ein schönes T-Shirt tragt. Ich sehe, wie ihr darunter leidet, nicht zur Schule gehen zu können. Ich sehe, wie ihr euch vor den Toiletten ekelt. Ich sehe, wie dankbar ihr seid, wenn sich jemand Zeit für euch nimmt. Ich sehe euch leiden.
Glaubt mir ich sehe euch. Ständig.
Und glaubt mir ich freue mich über euch. Ständig.
Das Leben hier ist nicht einfach. Vor allem für euch nicht. So erwachsen musstet ihr in kurzer Zeit werden. Viel zu viel Schlimmes musstet ihr schon miterleben. Dass ihr so viel davon versteht, bricht mir das Herz. So sollte es nicht sein.
Trotzdem bin ich dankbar, dass ich von euch lernen darf und wisst ihr auch warum?!
Ihr bleibt euch selbst treu, und das ist mir ein Vorbild.­­­­­­­­­­­­­­­­­

Marina Ruf/ Moria/ Lesbos am 28.09.2020:

„My sister, me want to go to Athens.“ Du schaust mich an mit hoffnungsvollen Augen, als ob ich den Schlüssel zu deiner Frage hätte. Doch leider habe ich ihn nicht. Also sage ich, dass es mir leidtue aber momentan niemand aus dem Camp rausdürfe, geschweige denn mit einer Fähre aufs Festland fahren. Und dein Blick verändert sich zu einem enttäuschten, resignierten Blick. Doch trotzdem lächelst du mich an. Ich weiß, dass du stark bist. Du hast es alleine bis hierhin geschafft. Du gibst nicht auf. Und das bewundere ich. Also bedankst du dich, und ich schaue dir hinterher, während du dich entfernst. Ich frage mich, wann du wohl nach Athen gehen darfst. Das ist jetzt zwei Wochen her.

Wichtig zu verstehen ist an dieser Stelle, dass dieser junge Mann aus Eritrea einen blauen Stempel in seiner Identifikationskarte hat, der ihm erlaubt, die Insel zu verlassen und sich in Griechenland frei zu bewegen. Weil er sich vor dem Brand noch nicht auf den Weg aufs Festland gemacht hat, steckt er jetzt erstmal hier auf der Insel fest. So geht es vielen.

Im Laufe der letzten Tage ist mir immer wieder aufgefallen, wie unterschiedlich die Schicksale der Menschen hier sind. Menschen, die eine schwere Verletzung oder Krankheit haben. Junge Menschen, die noch nach dem Sinn im Leben fragen. Verheiratete Paare, die sich Kinder wünschen. Ältere Menschen, die fast ein ganzes Leben in einem für uns (und jetzt auch für sie) fernen Land verbracht haben und sich mit ihrer ganzen Familie samt Enkelkindern auf den Weg nach Europa gemacht haben, weil „das Wasser sicherer ist, als im Heimatland zu bleiben“.

Und doch verbindet sie alle dasselbe und wohl schlimmste Schicksal überhaupt: sie haben keine Kontrolle über ihren weiteren Lebensweg. Ist das die größte Armut von allen, habe ich mich diese Woche gefragt? Sie haben die Kontrolle über ihr Leben in die Hände anderer gegeben. Doch wer sind diese anderen? Wer wird die Verantwortung für sie alle übernehmen?

Während diese Frage geklärt wird, sehe ich täglich, wie schwer es ist, in dieser Ungewissheit zu leben. Sich täglich zu fragen, was wohl als nächstes entschieden wird und was für einen Effekt diese Entscheidung auf das eigene Leben haben wird. Dieses Leben, das man sich so viel besser vorgestellt hat, als monatelang in einem Zelt zu leben, durch ein Feuer obdachlos zu werden, um dann wieder in einem Zelt zu leben.

Und dann erlebe ich Hoffnung in all der Ungewissheit. Gestern durfte ich Tickets für einen Transfer auf das Festland verteilen. Einige haben sich wirklich gefreut!

Auch dir, „my eritraen friend“, durfte ich ein Transfer-Ticket geben. Was für eine Freude! Dein Lächeln hat Bände gesprochen. Du darfst aufs Festland gehen! „Thank you, my sister.“ Ich schmunzele innerlich über diesen Ausdruck. Aber ja, wie sehr du doch recht hast – wir sind alle verwandt. Wir sind alle verbunden. Wir sind alle menschlich. Während du dich auf den Weg machst, kann ich nur hoffen, dass du das Licht am Horizont niemals aus den Augen verlierst. Das Licht, Jesus Christus, unsere Hoffnung. „My brother, can you see the hope? It is arising. It is here already. Look up.“

Marina Ruf/ Moria/ Lesbos am 18.09.2020:

Ich stehe am Straßenrand, halte einen Augenblick inne, um mir der Situation bewusst zu werden, in der ich mich gerade befinde. Aber kann ich das überhaupt? Ich sehe und erlebe einen Bruchteil von all dem, was gerade auf dieser Insel passiert.

Jetzt gerade sehe ich Menschenmassen. So viele Menschen. Ein Mischmasch aus Gesichtern. Verschwommen sehe ich sie. Ich versuche so sehr, sie klar zu sehen, aber es gelingt mir nicht. Alle verschwimmen sie miteinander. Und hinter jedem Gesicht eine ganze Lebensgeschichte. Wie gerne würde ich mir Zeit nehmen, jede einzelne anzuhören. Innezuhalten und zuzuhören.

„My friend, my friend“ ist alles, was ich wahrnehme, wenn jemand eine Frage hat oder mir etwas sagen möchte. Wenn es gut geht, stoppe ich dann und sage „Salam“, schaue die Person kurz an. Einen kleinen Moment Aufmerksamkeit schenken. Diese Momente sind so wertvoll. Und doch nicht selbstverständlich. Warum nicht?

Tja. Die letzten zwei Tage haben wir circa 5000 Menschen in Zelten untergebracht. Die Schlange zum Warten ist lang. Viel zu lang. Es ist heiß. Viel zu heiß. Frauen, Kinder, Männer. Familien, Singles. Alle durcheinander. Die Schlange ist zu lang, selbst nachdem wir versucht haben, sie zu ordnen.

Wir Volontäre sind motiviert. Ich bin dankbar für unser Team und die Zusammenarbeit aller NGO’s. Wir arbeiten hart, aber dieser Ort ist kräftezehrend.
Ein neues Lager. Ein temporäres Lager, so wird es uns gesagt. Genug Platz für alle Menschen, die momentan auf der Straße leben. Ein Zelt ist besser als nichts. Dem würde ich zustimmen.

Und doch fehlt es den Menschen hier an so vielem. Es fehlt an sanitären Anlagen, Windeln, Schlafunterlagen. Es fehlt an Privatsphäre. Es fehlt an Ruhe. Es fehlt an Platz.

Dieses Camp soll kein zweites Moria werden, und wir tun alles, um dieses Ziel zu verwirklichen. Trotzdem leben hier 8-10 Menschen in einem Zelt. Warum? Mehr Zelte gibt es nicht. Und irgendwie müssen wir ja alle unterbringen, oder?
Mir verschlägt es den Atem, wenn ich darüber nachdenke, was hier gerade passiert.

So vieles ist unfair. Und ich wünsche mir so viel mehr für all diese Menschen. Ich wünsche mir, dass sie gehört werden. Dass sie gesehen werden. Dass sie den menschlichen Respekt erfahren, der ihnen zusteht. Dass sie nicht mehr lügen müssen, um etwas zu bewirken. Dass sie sich nicht mehr um Wasser streiten müssen. Dass ihnen zugelächelt wird. Dass sie Hoffnung und Liebe erfahren und vor allem, dass sie verstehen, dass das hier nicht das Ende ist. Ich wünsche mir für sie, dass sie Freiheit finden.

Rational gesehen ist dies alles unfassbar und doch erlebe ich es. Ich weiß nicht im Detail, wo dieser „babai“ („babai“ heißt „Papa“ auf Farsi) herkommt oder wer er in seinem Heimatland war. Wie hat er sein Geld verdient? Wie sah sein Leben früher aus? Wie hat ihn die Reise verändert? All dies frage ich mich, während ich ihm mit meinen paar Worten Farsi versuche zu erklären, wo er als nächstes hinmuss. Egal, was die Antwort auf diese Fragen ist. Egal, wie müde und ausgelaugt ich in diesen Moment bin …
… ich weiß, dass er Besseres verdient hat, als am Rande Europas gestrandet zu sein. Wie wird es für ihn und seine Familie wohl weitergehen?

Marina Ruf/ Moria/ Lesbos am 12.09.2020

Bin gerade nach einem langen Arbeitstag nach Hause gekommen.
Auf einem Militärgelände wurde letzte Nacht (und auch diese Nacht noch weiter) ein temporäres Lager/Camp gebaut. Nicht weit vom alten Camp Moria. Über 200 UNHCR Zelte wurden aufgebaut. Das Militär hat wirklich tolle Arbeit geleistet und tut das auch immer noch. Wir durften heute bisher über 250 Menschen dort unterbringen und werden ab jetzt jeden Tag so viele Menschen wie möglich dort „housen“.
Nicht alle Menschen wollen dort hin, aber viele freuen sich über ein Zelt.
Außerdem war eine Wasser- und Essensausgabe heute auf den Straßen endlich möglich. Dafür sind wir sehr sehr dankbar!

Vor Ort stehen wir in unmittelbarem Kontakt zu Marina Ruf.
Sie berichtete am 11.09.:

„Mein Name ist Marina Ruf, 21 Jahre alt, bald Studentin für Soziale Arbeit in Düsseldorf.
Ich wohne seit einiger Zeit in Solingen und bin momentan auf der Insel Lesbos, um hier ehrenamtlich im Flüchtlingslager Moria mitzuhelfen. Ende 2019 durfte ich schon einmal für sechs Wochen hier vor Ort mitarbeiten. Diese Zeit hat meine Sicht auf das Leben und die Menschheit als solche sehr geprägt.

Montag und Dienstag dieser Woche war ich noch im Camp, um zu helfen, wo es möglich war. Am Dienstagabend begann das erste große Feuer. Als ich Abends davon hörte, erwartete ich nicht, dass das Camp bis zum nächsten Morgen fast vollständig verbrannt sein würde. Fast unvorstellbar, dass das Camp, so wie ich und viele andere es kannten, jetzt nicht mehr existiert.

 

© Salomé Wiedmer

Die Feuer der letzten Tage haben ihre Spuren hinterlassen. Fast 13.000 Flüchtlinge sitzen auf Straßen außerhalb des Camps fest. Familien mit vielen, teilweise auch sehr kleinen Kindern, schwangere Frauen, unbegleitete Minderjährige, alleinstehende Männer, ältere Menschen – Menschen die alles verloren haben. Obdachlos sind. Wieder einmal. Mit wenig Hoffnung weiterleben. Menschen, die verzweifelt wissen wollen, was jetzt mit ihnen geschieht. Menschen, die mich aus ausgehöhlten Augen anschauen und nach einem Schimmer Hoffnung suchen. Menschen denen ich sagen muss, dass ich auch nicht mehr weiß, wie sie selbst. Alles, was ich Ihnen geben kann, ist Aufmerksamkeit. Zuhören? Ja, das kann ich.

Was tun mit so vielen obdachlosen, verzweifelten Menschen auf einem Fleck? Was tun, wenn wir zu wenig Material haben, um allen wenigstens das Nötigste zu geben?

Die Hilfsorganisationen und NGO’s, die noch vor Ort sind, arbeiten eng zusammen, sodass z.B. Essensausgaben möglich sind. Auch die griechische Regierungen, die Polizei und das Militär helfen teilweise mit. Von großer Hilfe kann hier allerdings leider nicht die Rede sein. Überforderung scheint bei allen Beteiligten präsent zu sein.

Die Bemühungen und Planungen irgendwie zu helfen, ohne der griechischen Regierung entgegenzuwirken, erweisen sich vor allem seit heute, als sehr schwer umsetzbar. Das liegt daran, dass radikale, wahrscheinlich lokale Gruppen versuchen, Volontäre einzuschüchtern und von der Arbeit abzuhalten. Sie gehen wohl davon aus, dass wir diese schwere Situation am Leben halten, weil wir helfen. Wir versuchen, weise mit der angespannten Situation auf der Insel umzugehen, aber Drohungen von radikalen Gruppen und ein fehlendes oder sehr zögerliches Eingreifen von Polizisten erschweren die so wichtige humanitäre Arbeit vor Ort sehr.

© Salomé Wiedmer

Wie umgehen mit der vernachlässigten griechischen Bevölkerung in den umliegenden Dörfern, die ihrer Wut Platz machen will? Wer kümmert sich um ihre Verluste?

Die Lage ist insgesamt angespannt and chaotisch, aber nicht hoffnungslos, auch wenn es zwischendurch so scheint.

Wenn es Ihnen irgendwie ein Anliegen ist, den Menschen vor Ort zu helfen und die Situation hier zu erleichtern, möchte ich Sie bitten Ihr Bestes zu geben, Kontakte zu mobilisieren, diesen Bericht zu teilen, Hilfsgüter zu organisieren. Alles, was Ihnen einfällt. Jede Unterstützung wird benötigt und ist hilfreich.

Vorallem aber möchte ich Sie auch um Ihr Gebet bitten. Dieser Kampf, den wir und die Menschen hier kämpfen, ist nicht nur ein tatsächlicher Kampf, Besserung zu schaffen, sondern vor allem auch ein geistlicher Kampf. Und das Gebet ist unsere stärkste Waffe.

Bitte beten Sie mit für Hoffnung für die vielen Flüchtlinge, für Trost für die Einheimischen, für Kraft für die Volontäre auf der Insel, für Weisheit für die griechische Regierung, für eine europäische Lösung und eine gute Umsetzung dieser.

Und lassen Sie uns auch gemeinsam Gott dafür danken, dass er bisher so viel Bewahrung und Kraft geschenkt hat. Ihm allein geführt die Ehre auch in Situationen, in denen wir das größere Bild nicht sehen oder verstehen können.

Vielen Dank für Eure Unterstützung!

Gott befohlen.
Marina Ruf“2020