Hoffnung im Kosovo

Kosovo: Hoffnung trotz leidvoller Geschichte

Ein Reisebericht von Jost Stahlschmidt

Mitte Januar 2017 fahre ich von Skopje, der Hauptstadt Mazedoniens, aus nach Pristina, der Hauptstadt des Kosovo. Es ist eiskalt in Pristina, der Schnee türmt sich hoch, die Luft ist schwer vom Rauch der Kohle- und Holzöfen, mit denen die meisten ihre Wohnungen und Häuser heizen.

Pastor Artur Krasniqi (r), Vjollca Rajai (Mitte), Leiterin House of Hope mit einem Mitarbeiter vor dem Gemeindezentrum der „Protestant Evangelical Church“ in Pristina

Mein Ziel ist die „Protestant Evangelical Church in Kosova – Fellowship of the Lord’s people“. Seit Jahren unterstützt die FeG Auslandshilfe die sich ausweitende missionarisch diakonische Arbeit dieser Gemeinde. Der deutlich erkennbare Antrieb von Pastor Artur Krasniqi und seinem jungen Team ist die Hoffnung, die sie für ihr Land haben. Vorherrschende Religion ist der Islam, dokumentiert durch 860 Moscheen. Sie sind zum größten Teil nach 1999 entstanden. Das Kosovo ist kleiner als das Bundesland Hessen.

Evangelische im Kosovo

Die Wurzeln der evangelischen Christen im Kosovo liegen im 19. Jahrhundert. 1884 kam der albanische Evangelist Gjerasim Qiriazi nach Pristina und predigte dort. Pristina war damals von Bulgaren beherrscht. Die evangelischen Gemeinden waren bulgarisch, nicht albanisch. 1908 entwickelten seine Schwestern das albanische Alphabet und den ersten Unterricht in albanischer Sprache. Außerdem veranstalteten sie Frauentreffen mit Bibellesungen und Gebeten. Sevasti Qiriazi ist die erste Lehrerin für albanische Sprache.

Im Gespräch erklärt mir Pastor Artur Krasniqi: „1912 haben wir unsere Unabhängigkeit von der Türkei erklärt. Die politische Unabhängigkeit von der Türkei wäre nicht gekommen ohne die spirituelle Unabhängigkeit, die letztendlich erst die damaligen evangelischen Christen ermöglicht haben. Grundlegend war dafür auch das eigene, albanische Alphabet und die errichteten Schulen.“

Gebetsrunde des Mitarbeiterteams vor dem Kinderprogramm am Samstag in der „Protestant Evangelical Church“ in Pristina

Erste evangelische, albanische Kirche

Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte ein Serbe in dem Haus, das heute als Zentrum der Protestant Evangelical Church dient. 1983 wollte er es verkaufen. Im Hinterhof war eine Autowerkstatt. 1984 hat die evangelische jugoslawische Kirche entschieden, dieses Haus zu kaufen, um darin eine Gemeinde zu gründen. Peter Kuzmič war Teil dieser Kirche und hatte eine Vision für eine evangelische, albanische Kirche in Pristina. Also schrieb er an die jugoslawische Regierung und bat darum, eine evangelische Kirche gründen zu dürfen. Die Antwort war ablehnend: „Auch wenn Jesus persönlich hier wohnen würde, dürftet ihr keine Gemeinde bauen.“ Trotzdem legte man los.1985 wurde der erste evangelische Gottesdienst in albanischer Sprache gehalten. Es war die erste evangelische Kirche unter der albanischen Bevölkerung. Seitdem geschieht hier eine kontinuierliche Arbeit evangelischer Christen.

Willkommensrunde mit rund 50 Kindern aus muslimischen Familien – sie nehmen am Programm im „House of Hope“ in Millosheva (45 km südwestlich von Pristina) teil.

Artur Krasniqi kam 1987 im Alter von zehn Jahren in die Gemeinde. Sie war damals schon sehr international aufgestellt. Das lag daran, dass viele Missionare in Pristina lebten, um sich auf Albanien vorzubereiten. Bis auf zwei gingen nach 1990 alle nach Albanien. Die European Christian Mission übertrug zum ersten Mal die Bibel in albanische Sprache. Artur erinnert sich: „Als ich das erste Mal eine solche Bibel bekam, war ich sehr glücklich. Es ist ein Privileg und ein Segen, dass ich in einer christlichen Familie aufgewachsen bin. Das ist für Albaner nicht selbstverständlich.“

Arturs Vater Nick Krasniqi kam 1979 in Kroatien in einer Pfingstgemeinde zum Glauben. Er war jugoslawischer Soldat, hatte sein Leben Jesus anvertraut, wurde getauft. Als er zurückkam, sah seine Familie, wie er betete und in der Bibel las. Sie glaubte, dass er psychisch krank geworden sei und schickten ihn zu einem katholischen Priester. Der war sehr beeindruckt und bat ihn, in der Kirche von seinen Erfahrungen zu erzählen. Er wollte ihn für die katholische Kirche gewinnen. Die Polizei wurde auf ihn aufmerksam, weil er von Missionaren besucht wurde und man sich im Dorf erzählt hatte, was passierte. Er wurde der Spionage verdächtigt. Zu der Zeit waren wir die einzige evangelische Familie im Kosovo. Das empfanden wir als große Verantwortung und auch als Last.

Gottes Schutz in Kriegstagen

Pastor Krasniqi blickt zurück: „Kurz vor Ausbruch des Krieges waren alle Missionare gegangen. So mussten wir in vielen Diensten tätig werden. Die Zeit des Kosovokrieges (1998/1999) war eine entscheidende und wichtige Zeit für unsere Gemeinde. Gott hat uns gezeigt, wie sehr er uns schützt und unser Vertrauen stärkt. 1999 habe ich begonnen, mit den Jugendlichen zu arbeiten. Viele sind ausgewandert oder geflüchtet. Ich habe entschieden, hier zu bleiben, obwohl ich wusste, dass ich Gefahr laufe, getötet zu werden.

Meine Zeit während des Krieges ist eine unschätzbar wertvolle Zeit. Zuerst in meiner Beziehung zu Gott habe ich wichtige Erfahrungen gemacht. 78 Tage tobte der Krieg um Pristina. Auch wenn der Druck hier sehr hoch war – ich wurde von der serbischen Armee gefasst – habe ich die Zeit überlebt. In dieser Zeit bin ich von Gott absolut geschützt worden. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, wie Menschen auf einer Linie aufgestellt und erschossen wurden. Ich war in tiefer Angst und habe gleichzeitig immer vertrauen können, dass Gottes Hand über mir war. Das habe ich noch nie so empfunden und erlebt wie in diesen Tagen. In dieser Zeit hat Gott ganz anders und persönlich zu mir durch die Bibel gesprochen, wie nie zuvor oder danach. Die Zeit des Krieges war für mich eine gute Schule Gottes. Sie hat mir danach sehr geholfen, mit Gott zu leben. Nicht einmal wurde ich von der Armee geschlagen. Aber mindestens zwei Mal in meinem Leben war ich in schwierigen Situationen, wo ich Todesängste hatte.“

Von Islamisten überfallen

„Als der Krieg zu Ende war, waren wir die glücklichsten Menschen der Welt. Für mich persönlich war es die Möglichkeit, die Gemeindearbeit wieder zu beginnen. Kurze Zeit später wurden wir in der Gemeinde von Islamisten überfallen. Am 5. Mai 2000 sind sechs bewaffnete Männer in die Gemeinde eingedrungen, haben sich als Soldaten Bin Ladens ausgegeben, uns die Waffen an den Kopf gehalten, gefesselt und unsere Münder mit Klebeband zugeklebt. Sie besprühten die Wände mit dem Namen von Osama bin Laden, mit islamistischen Parolen, nahmen viele Dinge aus der Gemeinde mit und verschwanden. Die Polizei kam und hat uns befreit. Die Polizei zeigte sich geschockt, aber der Überfall wurde nicht weiter verfolgt. Dieses Erlebnis hatte für mich mehr Folgen als der ganze Krieg. Ich habe erfahren, dass der Krieg zwar äußerlich aufgehört hat, aber nicht in den Herzen der Menschen.“

Der Second Hand Shop „Mozaik“ in Pristina: gebrauchte Kleidung für Arme

Ein Mann mit Vision

Am Anfang der heutigen Protestant Evangelical Church in Kosova stand nach Arturs Meinung die Vision von Peter Kuzmič aus Kroatien. Seine Gemeinde hat damals dieses Grundstück gekauft. „Peter Kuzmič war für mich ein Segen. Es war seine Initiative, dass eine evangelische Gemeinde entsteht und sich aus dieser Gemeinde heraus eine Vision für Pristina und die albanische Bevölkerung entwickelt.“ Heute gehören zur Arbeit unserer Partnergemeinde ein lebendiger Gottesdienst mit vorwiegend jungen Menschen, das Bildungs- und Entwicklungszentrum „House of Hope“ mit drei Häusern, Second Hand Läden mit elf Arbeitsplätzen und ein großes Jugendcafé. Das ist gelebte Hoffnung für Kosovo.


Braucht Kosovo noch meine humanitäre Hilfe?

Unser Mitarbeiter aus Prishtina (Kosovo) schreibt 2014: Liebe Freunde in Deutschland, eine berechtigte Frage wie ich finde. Schließlich wollen Sie, dass Ihre Spende gezielt ankommt und in konkreter Not hilft. Die Antwort auf diese Frage kann ich Ihnen nicht abnehmen, aber vielleicht hilft Ihnen der nachstehende Bericht.

Frau Gashi (Name geändert)  ist Mitte dreißig und lebt mit ihrem Mann in Mitrovica. Seit ihrer Kindheit träumt sie davon, mal eine eigene Familie, ein eigenes Haus und ein unbeschwertes Leben führen zu können. Doch die Realität gleicht eher einem Albtraum. Das Zimmer, in dem sie mit ihrem Mann gemeinsam lebt, gehört nicht ihnen. Der Vermieter des Hauses zeigt ein großes Herz und duldet die beiden, auch wenn sie die Miete nicht bezahlen können. Doch niemand weiß, wie lange er selbst ohne die Mieteinahmen überleben kann. Ihr Mann macht sich jeden Morgen früh auf den Weg in die Innenstadt von Mitrovica, um nahe am Markt seine Dienste als Tagelöhner anzubieten. Ob er an diesem Tag etwas verdienen wird? Mit jeder Stunde schwindet die Hoffnung auf ein Einkommen. So kommt er an manchem Tag mit leeren Händen und leerem Magen zurück.

In diesem Jahr sind die Brotpreise von 30 Cent auf 40 Cent gestiegen. Umgerechnet  bedeutet das für die Familie bei einem Tageseinkommen von durchschnittlich 1,60 € ein Brot weniger am Tag. Warmes Wasser und Strom gehören schon lange nicht mehr zu ihrem Alltag. So ist das Leben von Frau Gashi, ein täglicher Kampf gegen die Hoffnungslosigkeit. Selbst der Traum nach Familie scheint in weite Ferne gerückt zu sein. Unser Mitarbeiter traf Frau Gashi das erste Mal im Krankenhaus, wo sie nach ihrer zweiten Fehlgeburt behandelt wurde. Sie braucht nun ständig Medikamente und ist durch diese Schicksalsschläge depressiv geworden. Wie gerne würde Frau Gashi einfach aufwachen und sagen können, es war ein böser Traum, doch leider ist das die Realität. Sicher kein Einzelfall im Kosovo. Als unsere Mitarbeiter sie dann nach einer Woche wieder besuchten und ihr Kleidung und ein Lebensmittelpaket überbrachten, fing ihr Traum wieder an zu leben. Wenn Sie dazu beitragen wollen, dass Menschen wieder träumen können, dann schenken Sie ihnen ein Paket zum Leben.

Der Winter steht vor der Tür und viele Menschen werden nur selten ihre Kleidung wechseln. Sie ziehen fast alles an, was sie an Kleidung besitzen, um sich gegen die Kälte zu schützen. Auch eine warme Decke kann in den Wintermonaten zu einem guten Freund werden, besonders wenn das Holz zum Heizen knapp ist. Ihre Kleiderspende hilft nicht nur, Menschen einzukleiden. Seit Oktober 2011 haben wir als Gemeinde in Prishtina unseren ersten Second-Hand-Laden „Mozaik“ eröffnet, mittlerweile haben wir drei Standorte. In diesen Läden verkaufen wir einen Teil der Kleiderspenden, um mit dem erwirtschafteten Gewinn Familien gezielter zu helfen. Sozialschwache Familien mit einem Nachweis über ihre Bedürftigkeit erhalten die Kleidung und andere Sachen natürlich kostenlos. Andere können im Laden einkaufen.

Der Verkauf von Kleidung und besonders Bettdecken, Bettbezug, Tischdecken und Kleinmöbel ermöglicht …

  • Den Menschen mit geringem Einkommen gute Ware zu einem günstigen Preis zu erwerben.
  • Arbeitsplätze zu schaffen. Insgesamt haben 9 Familien durch ihre Tätigkeit im „Mozaik“ ein gesichertes Einkommen. Dabei haben wir auch zwei Personen eingestellt, die aufgrund ihrer Geschichte (Opfer von Menschenhandel) wieder in ein normales Leben integriert werden.
  • Den Erlös zu gezielter Hilfe einzusetzen, wenn mehr als Lebensmittelpakete oder Kleidung notwendig sind, z.B. Kauf von Feuerholz, Medikamenten, Mehl, Kartoffeln oder Gemüse. Im letzten Jahr haben wir zwei Familien nach einem Elektrobrand beim Aufbau ihres Hauses helfen können.

Wenn Sie diesen Menschen weiterhin Hoffnung schenken möchten, dann sind wir auf Ihre Spende von Kleidung, Bettzeug, Bettdecke, Tischdecken und Kleinmöbel angewiesen.

Die Ausgangsfrage war: Braucht Kosovo noch meine Hilfe? Ich hoffe, Sie haben eine Antwort für sich gefunden. Eins kann ich Ihnen aber versichern: Durch Ihre Hilfe geben Sie den Menschen wieder Ihre Träume und Hoffnung zurück.