ROMA

Die Roma sind der osteuropäische Zweig der Sinti und Roma. In verschiedenen Wellen sind sie aus Indien eingewandert und seit Jahrhunderten in Ost- und Südosteuropa beheimatet. Mit der Etablierung der Kommunisten wurden viele Gypsies, wie sie im Volksmund genannt werden, aus den größeren Städten auf’s Land oder in die Berge umgesiedelt. Ziel war, sie sesshaft zu machen. Trotz mancher Regierungsprogramme für die Roma bleibt ihre Lage äußerst prekär. Sie leben in Armut. Teilhabe an Arbeit und Bildung bleiben ihnen erschwert bis verwehrt.

Warum das Engagement für die Roma

Während eines Besuchs in der Region Sliven im Osten Bulgariens frage ich unsere Partner, warum sie sich so für Roma engagieren. Sie erzählen, die Roma seien in der Gesellschaft isoliert; niemand interessiert sich für sie oder kümmert sich um sie. Sie seien kaum respektiert. Die evangelischen Christen seien nahezu die einzigen, die sich ihnen zuwenden. Sie sind offen für die biblische Botschaft von der Liebe Gottes. Der christliche Glaube gibt ihnen eine neue Würde. Als Christen lernen sie ernsthaft die christlichen Werte und Prinzipien. Ihr Lebensstil und eigene Gepflogenheiten beginnen sich zu verändern. Unter den evangelischen Roma zeigt sich mehr Lernbereitschaft. Einzelne erreichen mittlerweile höhere Bildungsabschlüsse. Die christlichen Roma-Gemeinden werden in den Ortschaften sehr respektiert. Schwerpunkt der Arbeit unter den Roma ist die Kinder und Jugendarbeit, sowie humanitäre Hilfe.


Urlaub einmal anders – völlig erledigt und total erfüllt

(April 2018) Die Sonne brennt im April, es ist sehr warm, es ist staubig, es ist laut im größten Romaviertel Europas, in Shutka bei Skopje/ Mazedonien. Autos, sehr alte und manchmal sehr teure, die sich durch die Straßen schlängeln, irgendwelche motorisierten Fahrzeuge, Pferdefuhrwerke, Lkws, Kinder, Mütter mit Kinderwagen – alles geht irgendwie durcheinander auf den holprigen Straßen Shutkas. Man darf es auch Ghetto nennen. Und so wirkt es auch, wenn ich über die Hauptzufahrt nach Shutka hineinfahre. Es ist eine Gesellschaft für sich, wesentlich islamisch. So dominieren zu Beginn auch die Minarette zweier großer Moscheen. Und dann eröffnet sich entlang der Hauptdurchfahrt der größte Textilmarkt Mazedoniens, ein Straßenladen am anderen.

Die kleine evangelikale Romagemeinde „Neues Leben“

Und mittendrin die kleine evangelikale Romagemeinde „Neues Leben“, ca. 130 Mitglieder. Seit 2015 besuche ich diese Gemeinde regelmäßig, sitze mit der Gemeindeleitung zusammen, höre, sehe und fühle ihre Not und Armut. Seit vielen Jahren hat diese Gemeinde Anteil an unseren Hilfsgütertransporten. Mit Hilfe von Spenden und eines Darlehens des FeG Bundes und der FeG Auslandshilfe konnte vor einigen Jahren eine alte Werkstatt gekauft werden. Es ist mehr oder minder ein baufälliger Schuppen mit zwei Räumen. Die Toilette will ich gar nicht beschreiben. Regelmäßig regnet es durchs Dach. Es ist noch mit alten Asbestplatten gedeckt und wird immer wieder notdürftig abgedichtet, meist mit Plastikfolie. In diesem Haus feiert die Romagemeinde fröhlich und laut ihre Gottesdienste und bietet ein Kinderprogramm an. Im Sommer ist es sehr heiß, im Winter eiskalt.

Seit Jahren liegen Pläne vor für eine komplette Sanierung dieses Gebäudes. Sie wurden von Wilfried Führer entwickelt. Er ist emeritierter Prof. für Bauingenieurwesen und gehört zur FeG Aachen. Sie hat ihrerseits die Arbeit in Mazedonien über Jahre unterstützt und gefördert. Aber wie lässt sich eine Sanierung für eine nahezu mittellose Gemeinde realisieren?

Drei Jahre sprechen wir in Shutka immer wieder mit den Romaleitern darüber, haben die Pläne vor uns. Das Wichtigste ist, dass die Gemeinde selber bereit wird, so gut sie nur können mitzuhelfen. Es soll letztlich ihr Gemeindehaus sein, ihr Zeugnis in Shutka. Immer wieder frage ich sie, ob sie das wirklich wollen. Und immer wieder bekunden sie ihre Bereitschaft. Offengestanden fiel es mir schwer, ihren Zusagen zu vertrauen. Aber wie anders soll es gehen, als dass wir unsere Partner immer wieder herausfordern und ermutigen. Ansonsten geht all unsere Hilfe ins Leere.

Ein schlagkräftiges Team

Nach einem Gottesdienst in der FeG Haiger-Offdilln spricht Dirk Jung mich an: „Wir sind eine praktische Gemeinde“, sagt er mit deutlich hessischem Akzent. Und ob es nicht mal möglich wäre, mit der FeG Auslandshilfe einen Baueinsatz im Ausland zu machen. Sie wären schon in der Ukraine, auf den Philippinen und sonst wo gewesen. Und ob es mit der FeG Auslandshilfe möglich ist! Einen schöneren Wink Gottes für SEINE Romagemeinde in Shutka konnte ich mir nicht vorstellen.

Die Planungen nehmen ihren Lauf und am 14. April reist ein Team von zwei Frauen und 8 Männern nach Skopje. Dirk und Sandra Jung, Tim-Nicolai Jung, Kevin Jung, Ronja Hönes, Tim Phillip Schlemper, Markus Schäfer, Markus Bedenbender, Gerwin Franz und Wilfried Führer. Die Teamleitung liegt bei Dirk Jung, die Bauleitung bei Wilfried Führer. Tim-Nicolai und Tim Phillip machen sich schon am Freitagabend mit einem Transporter randvoll mit Werkzeug und Maschinen auf die fast 2.000 Kilometer lange Strecke. Die anderen fliegen von Dort-

mund. Siegmar Müller, Pastor i.R. aus Aachen war schon dort und begleitet das Team in den ersten vier Tagen.

Für mich war ein solches Unternehmen total neu. Zu diesem Team hatte ich vollstes Vertrauen. Und doch ahnte ich schon im Vorhinein, dass es nicht leicht werden wird. Maximal elf Tage Zeit, das alte Gebäude war noch nicht vollständig abgebaut, der Materialtransport von Deutschland mit drei Tagen Verspätung gestartet. Wie viele der Roma werden wirklich mithelfen? Wie wird es mit der Verständigung? Es gab unzählige Unwägbarkeiten. Trotzdem fühlte sich das Team bestmöglich vorbereitet. 14 Tage Urlaub, jeder und jede hat noch Geld mitgebracht, täglich bis zu 12 Stunden unter mehr als ungewohnten Arbeitsbedingungen auf der Baustelle. Jeder Tag beginnt im Hotel mit Andacht und Gebet, immer passend zur Herausforderung. Bete und arbeite – hier wird es mit Leib und Seele gelebt. Abends, völlig erschöpft und total erfüllt, wird gut gegessen, fröhlich gefeiert, viel erzählt und gelacht.

Neues Haus in 11 Tagen

In diesen Tagen kann ich nur staunen. Mit festem Gottvertrauen, mit ganz viel Mut, mit einem Höchstmaß an Flexibilität, mit enormer Belastbarkeit, mit einem unerschütterlichen Teamgeist und nicht zuletzt mit ganz viel Liebe zu den Menschen in Shutka entstand in elf Tagen ein neues Haus. Am Abend des letzten Arbeitstages erhielten ca. zehn Roma ein schön gestaltetes Arbeitszeugnis. Mit Stolz und unbeschreiblicher Dankbarkeit nahmen sie es von Prof. Führer entgegen. Diese Baustelle war DIE Attraktion in Shutka. Die Gäste aus Deutschland fanden viel Zuspruch und Anerkennung. Die Gespräche am Rande waren wesentlich, vor allem über das, was uns treibt – die Liebe Gottes, die er uns in Jesus schenkt.

Und nun kommt die wahre Herausforderung, nämlich durch das Leben der Gemeinde in Shutka weiter zum Glauben an Jesus einzuladen. Das wollen wir gerne weiter unterstützen, im Gebet, mit Beratung und humanitärer Hilfe.

Jost Stahlschmidt

Leiter FeG Diakonie | Auslands- und Katastrophenhilfe